Tourenwoche im südlichen Piemont im August/September 2009
DAV Sektion Ravensburg

Im „La Colletta“, einem familiär geführten Hotel wurden wir von einer Abordnung der Rivolesen begrüßt. Nicola Suppo, der legendäre, mit 85 Jahren noch berggängige Alterspräsident und Gründer unserer Partnerschaft vor 26 Jahren, ließ es sich mit seiner Frau Mariuccia nicht nehmen, uns persönlich willkommen zu heißen. Wir schätzen diese Ehrerbietung zumal die Entfernung von Rivoli nach Paesana 50 km beträgt. Kurz nach der Erstbegegnung mit den rivolesischen Freunden gab es den Auftakt zu einer Genusswoche in Anlehnung an Aristoteles: „Alles möglichst allen Sinnen.“ Erste Schweißperlchen, klimatische Anpassung, ländliche Gebäudekomplexe, verlassene Häuser, Freskenmalereien und Bildstöcke, der Anblick eines Klettergartens – das war lediglich ein Teil der Eindrücke nach dem sonntäglichen Füße -Vertreten in der Großgruppe der Wanderer und Kletterer. Abendessen und Frühstück waren die gesamte Woche hervorragend. Danke, Gerhard, für diese Hotelempfehlung.
Die erste Tour zum Rifugio Quintino Sella im Valle Po starteten wir gemeinsam mit den Kletterern: tiefblauer Himmel, ein traumhaft schöner und sehr abwechslungsreicher Weg über Wiesen, Schotter, Fels und Altschnee vorbei an mehreren Seen, begleitet von den Pfiffen der Murmelchen, dem Gepolter von herabfallendem Geröll und beeindruckt vom alles überragenden Monviso und seinem kleinen Bruder, dem Viso Mozzo. Um die Mittagszeit senkten sich Nebelwolken: eine Besteigung des Viso Mozzo hat sich sprichwörtlich im Nebel aufgelöst – dafür gab’s im Rifugio Rast und Stärkung für den Rückweg.
Val Pellice, Punta Sea Bianca: wo ist das Tal, wo ist der Berg? Auf der Touristenkarte nicht zu finden – Piero und Gerhard übernahmen die Führung. Wir starteten vom Rifugio Barbara Lowri (1752 m), wurden gleichgültig ertragen von nahezu weißen Kühen und begleitet von einer braunen Bergziege. Bei unserer ersten Rast fraß sie sich den Bauch voll und marschierte ohne Gruß zurück. Bis zum Joch war der Weg einfach zu gehen, eine leuchtend pinkfarbige und sehr kurzstielige Bergnelke weckte unser aller Bewunderung. Meine Aussage, diese Blume habe ich noch nie gesehen, wurde von Winni trocken kommentiert: „Die gibt es auch nur hier.“ Gegen Mittag verhüllten wiederum Nebelwolken die Weitsicht, doch irgendwann beim letzten weglosen Aufstieg auf die 2721 m hohe Punta Sea Bianca senkten sie sich und zu sehen war der Monviso. Ob die Kletterer unsere guten Gedanken und Wünsche fühlten? Wir wurden belohnt durch mehrfach gucklochartige und auch panoramahafte Weitsicht sowie in der Nahsicht von zahlreichen Edelweißbüscheln. Zum Rifugio kamen wir später zurück als geplant, so dass wir bedauerlicherweise eine Lunch-Einladung der Rivolesen nicht annehmen konnten. Wir wurden kurzerhand von Piero und Gerhard zu einem Getränk eingeladen.
Mittwochs war dann sozusagen Ruhetag, der führte uns ins Val Maira. Dort besuchten wir die berühmte romanische Bergkirche von Elva, ca. 1600 m, am GTA.

Peter führte uns behutsam und verständlich auf das Wesentliche der Freskenmalereien hin. Nach dem Augenschmaus verwöhnten wir uns mit köstlichem Cappuccino. Die gesamte Gruppe marschierte den GTA hoch bis zum Colle San Giovanni, einem Hochplateau mit Rundkapelle; einige gingen den Pfad weiter bis San Martino, unserem nächsten Treffpunkt; andere holten die Autos. Die Sonne strahlte und ließ die zahlreichen Silberdisteln auf dem Fußweg genauso glänzen wie die Granit-Schindel-Dächer von San Martino. Liese konnte auf der Straße und völlig überraschend eine ehemalige Schülerin – wandernd auf dem GTA - in die Arme nehmen; leider musste die junge Frau bis zum nächsten Dorf weiterlaufen, weil das Casa per Ferie in San Martino ausgebucht war. Die deutsche Familie Schneider hat mehrere Häuser restauriert und zu Unterkünften mit Verpflegung umfunktioniert; auf der Terrasse verwöhnten wir uns kulinarisch mit kühlem Weißwein, Brot, etwas Käse und Salami und optisch mit dem Blick auf diesen anheimelnden Gebäudekomplex sowie den ursprünglichen Bauerngarten.
Am Donnerstag lernten wir das Val Varaita kennen. Von Chianale, 1797 m, starteten wir zum Col Longet, 2649 m, Wir wurden begleitet von Julia und ihrem Vater Lino sowie Pieraldo. Der Aufstieg führte uns an malerischen Bergseen vorbei; wir brauchten Kopfbedeckungen, Handschuhe und vor allem lange Hosen: die eiskalten Windböen auf dem Weg zur französischen Grenze bildeten einen deutlichen Kontrast zum lieblichen Val Maira. Auf dem Col überraschte uns Pieraldo mit einer Flasche Rotwein; wir tranken gern auf unser aller Wohl. Auf dem Rückweg marschierten wir durch eine Lawinenspur; der Schaden war bedrückend. Schnell waren die Bergschuhe gewechselt – und unter sachkundiger Führung der rivolesischen Begleiter besichtigten wir das Talschlussörtchen Chianale. Lino kühlte Weißwein im Dorfbrunnen vor der Kirche St. Lorenzo, mit dem wir uns am Dorfplatz im Schatten einer Kiefer zuprosteten. Um die müden Geister wieder zu wecken, spendierte Pieraldo Espressi. Hab’ Dank, lieber Pieraldo!

Im La Colletta fand dann der städtepartnerschaftliche Höhepunkt der Woche statt. Der Besuch von 32 Rivolesen sowie dem Gründer-Ehepaar Suppo zeigte, wie lebendig die Partnerschaft bei unseren Freunden von Rivoli ist; wir verbrachten einen gemeinsamen Abend mit gutem Essen, Getränken, vielen Liedern und Erinnerungsfotos.
Freitags wanderten wir wiederum im Valle Po, begleitet wurden wir von Lorenzo und seiner Frau Marielena und deren Schwester Daniela. Die beiden letztgenannten Frauen sind Töchter von Nicola und Mariuccia. Die Liebe zu den Bergen ist offenbar erblich! Zunächst besuchten wir die Po-Quelle, gingen ca. 800 hm weiter bis zum Colle delle Traversette con il „Buco storico“ – wir liefen auf der historischen Handelsstraße Richtung Frankreich – und wieder mussten wir uns gegen eiskalte Windböen stemmen und gegen Regen schützen. Ziel war auch der um 1450 erbaute Grenztunnel „Buco di Monviso“ von Italien nach Frankreich; sandige, orkanartige Böen am Ende des Tunnels hielten einige vom Weiterlaufen und somit vom Grenzübertritt ab. Nach der Tour verwöhnte uns Marielena mit Keksen – und im Hotel genehmigten wir uns gemeinsam mit den rivolesischen Freunden einen letzten Drink.
Der Dank aller Wanderer gilt Winni und seiner Frau Gertrud für das perfekte Vorbereiten und liebevolle Gestalten dieser Tourenwoche. Wir lernten piemontesische Täler, Landschaften, Flora, Kunst, Baustile, Lebensart und Freunde kennen. Die Durchführung der Wanderungen war nicht immer einfach. Winni musste Trittunsichere vor schwierigen Strecken zurücklassen und auf einen anderen Rückweg ausweichen; Wolfi „arbeitete“ mit stoischer Ruhe und immerwährender Freundlichkeit als Schlussmann und verdient größte Hochachtung.
Paula Schuster
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